
Im Frühjahr 2010 bin ich den Camino Francés gelaufen – von den Pyrenäen bis ans Ende der Welt.
Nicht mit dem Tandem, nicht zu zweit – allein und zu Fuß. Von Saint-Jean-Pied-de-Port über die Pyrenäen, durch Navarra, La Rioja und die kastilische Meseta bis nach Santiago de Compostela. Und dann weiter: bis nach Fisterra und Muxía, wo der Kontinent aufhört.
Am 20. März 2010 begann der erste Schritt. Fünf Wochen und rund 900 Kilometer später stand ich am Atlantik.
Eckdaten
| Start | 20. März 2010, Saint-Jean-Pied-de-Port (Frankreich) |
| Ziel | Santiago de Compostela, Fisterra, Muxía |
| Ankunft Santiago | 19. April 2010 |
| Ende | 27. April 2010 (Muxía) |
| Dauer | ca. 38 Tage |
| Gesamtstrecke | ca. 900 km |
| Route | Camino Francés (Frankreich → Spanien) |
Die Route
Pyrenäen – Der erste Tag ist kurz: fünf Kilometer von Saint-Jean-Pied-de-Port bis Huntoo. Ab dem zweiten Tag beginnt der Ernst des Weges: der Übergang über den Col de Lepoeder nach Roncesvalles – 27 Kilometer, steil, kalt, vollständig im Nebel. In Roncesvalles empfängt eine ehemalige Augustinerabtei: ein gotischer Saal mit 120 Schlafplätzen, leise Vivaldi-Musik, gregorianischer Choral zum Aufwachen. Abends Pilgermesse und Pilgersegen in der Klosterkirche.
Navarra – Über Larrasoaña und die mittelalterliche Puente de la Magdalena nach Pamplona. Hinter der Stadt der Windpass Alto del Perdón (735 m) mit den eisernen Pilgerfiguren, dann hinunter nach Puente la Reina, wo die Wege aus dem Norden zusammenlaufen. Bei Santa María de Eunate umrunden Pilger die Kirche barfuß auf scharfkantigem Natursteinpflaster. Durch Estella und Torres del Río nach Logroño, Hauptstadt der Rioja – der rostbraune Boden zeigt es täglich. In Nájera das Kloster Santa María la Real mit den Königsgräbern. In Grañon schlafe ich auf Matratzen in der Dorfkirche: die Hospitaleros kochen das Abendessen, es gibt Pilgermesse und Segen.
Die Meseta – Burgos markiert den Beginn der großen Weite. Hinter der Stadt öffnet sich Kastilien: flach, weit, windgepeitscht. Die längste Etappe der Reise: 41 Kilometer bis Castrojeriz. Dann Tage auf der Via Aquitana, wo der Weg 17 Kilometer schnurgerade auf einen unsichtbaren Horizont zuläuft – kein Schatten, keine Abzweigung, nur Schotter und Himmel. León ist die letzte große Stadt vor den Bergen; die Kathedrale leuchtet.
León und Galizien – Hinter Astorga steigt der Weg ins Gebirge. Foncebadón: ein Dorf, das vor zehn Jahren völlig entvölkert war und gerade wiedergeboren wird – Übernachtung in einer alten Kirche, gemeinsames Kochen, Essen und Beten. Noch vor Sonnenaufgang dann der Aufstieg zum Cruz de Ferro, dem größten Steinhaufen des Caminos, aufgeschichtet von Pilgern aus acht Jahrhunderten. Im Bierzo-Gebirge wähle ich den „Camino duro“ – 500 Höhenmeter steil nach oben. In La Faba beginnt der letzte Anstieg: hinauf zum O Cebreiro, dem Tor nach Galizien. Dahinter eine andere Welt: saftig grüne Weiden, Feldsteinmauern, urige Dörfer. Lohnender Umweg über das Kloster Samos (5. Jahrhundert). Ab Sarria der Zustrom der 100-km-Pilger.
Bis ans Ende – Am 18. April 38 Kilometer in einem Zug bis Monte do Gozo. Am nächsten Morgen zu viert die letzten fünf Kilometer: früh, im Morgenlicht, fast menschenleer vor der Kathedrale. Pilgermesse, Communio, Apostelgrab. Das überwältigende Gefühl des Ankommens stellt sich nicht sofort ein – sondern schleichend, in den Stunden danach. Dann nochmals aufbrechen: über Negreira und Olveiroa nach Fisterra – 29 Kilometer bis ans Ende der bekannten Welt. Und schließlich 31 Kilometer weiter nach Muxía: die steinerne Barque am Atlantik, Sonne auf dem Fels, das Meer.
Besondere Momente
20. März, Saint-Jean-Pied-de-Port – Die ersten Schritte durch die Porte d’Espagne, gemeinsam mit Leon aus Schweden und Meik aus Berlin. Noch am ersten Abend in Huntto legt das iPhone sich quer – keine Adressen, keine Telefonnummern mehr. Ab jetzt wirklich unterwegs.
21. März, Col de Lepoeder – Dichter Nebel, eisige Stille, die gesamten 27 Kilometer allein. Keinen Stopp – zu kalt, zu nass. Ich singe und bete laut. Unterwegs das erste Denkmal für einen Pilger, der hier gestorben ist. Der Gedanke, dass Menschen offenbar bewusst ihre letzten Lebenstage auf dem Camino verbringen, lässt mich nicht mehr los.
21. März, Roncesvalles – Gotischer Saal, 120 Schlafplätze in einem Raum, leise Vivaldi-Musik, herzlicher Empfang in der jeweiligen Landessprache. Abends Pilgermesse: kein Wort verstanden, aber Kommunion und Pilgersegen tief bewegt.
29. März, Grañon – Herberge in der Dorfkirche: Matratzen auf dem Boden, Pilgermesse mit Segen, die Hospitaleros kochen für alle. Ein rundum schöner Tag.
1. April, Burgos – Kleine kirchliche Herberge mitten in der Stadt: 16 Betten in einem uralten Haus über einer Kapelle. Der Hospitalero gibt uns abends ein Gitarrenkonzert.
4. April, Via Aquitana – Traumhaftes Osterwetter, unverschämt blauer Himmel. Dann 17 Kilometer schnurgerade auf einem breiten Schotterweg – kein Horizont, keine Abzweigung, kein Schatten. Wechsel in den meditativen Modus. Am Ziel in Calzadilla de la Cueza: dänisches Carlsberg in der Bar – traumhaft.
9. April, Villar de Mazarife → Astorga – Den größten Teil allein gegangen. In mir herrscht inzwischen tiefer Frieden.
11. April, Cruz de Ferro – Noch vor Sonnenaufgang zum Kreuz hinauf. Den Stein aus Wennigsen auf dem großen Haufen abgelegt, den angeblich Pilger aus acht Jahrhunderten angehäuft haben. Danach Besuch bei Tomás in Manjarín – dem selbsternannten letzten Tempelritter und seiner primitiven, originellen Herberge.
18. April, Monte do Gozo – 38 Kilometer wie im Rausch. Alles ist seit jeher angelegt; es muss sich nur entfalten. Nach dem Duschen unverhofftes Wiedersehen mit Maren und Paco – was für eine Freude!
19. April, Santiago de Compostela – Zu viert (Maren, Paco, Bert und ich) früh morgens aufgebrochen. Die Kathedrale im schönen Morgenlicht, fast menschenleer. Das überwältigende Gefühl des Ankommens nach 800 Kilometern stellt sich nicht sofort ein – sondern schleichend, in den Stunden danach.
23. April, Fisterra – Kurz vor Fisterra Rast in einer malerischen Bucht: Muscheln gesucht, Füße im Atlantik. Abends Picknick auf einem Felsen im äußersten Westen – Brot, Wein, Käse, langer Sonnenuntergang mit Maren, Bert und Adson. Später im Dunkeln Arm in Arm zurück nach Fisterra, dann zu fünft in Rebeccas Geburtstag hineingefeiert.
25. April, Río Lira – Schlüsselstelle auf dem Weg nach Muxía: Überquerung auf Steinquadern im Flussbett – an der entscheidenden Stelle fehlen zwei. Die Strömung ist nicht ohne. Eine ältere Dame wird umgerissen und stürzt; sie hat alle Mühe, wieder auf die Beine zu kommen, ihre Schuhe trägt das Wasser fort. Ich überquere barfuß, ohne Hose, mit einem Stock – und bin froh, das andere Ufer unbeschadet zu erreichen.
Tagebuch lesen
Der Camino Francés ist in 39 Beiträgen dokumentiert – von den ersten Schritten in Saint-Jean bis zur Stille von Muxía.