
Im Sommer 2015 bin ich von zuhause nach Santiago de Compostela gelaufen.
Nicht vom Ausgangspunkt der nächsten Pilgerherberge. Nicht vom Fuß der Pyrenäen. Sondern von Scholen 53 – meiner Haustür.
Am 3. Juli erhielt ich den Pilgersegen von Jörg Schafmeyer. Am 4. Juli setzte ich den ersten Schritt. Am 24. Oktober war ich wieder zuhause. Dazwischen lagen 16 Wochen, rund 3.300 Kilometer und ein Weg, der durch vier Länder und die halbe Breite Europas führte.
Eckdaten
| Start | 4. Juli 2015, Scholen (Niedersachsen) |
| Ziel | Santiago de Compostela & Fisterra |
| Rückkehr | 24. Oktober 2015 |
| Dauer | 16 Wochen |
| Gesamtstrecke | ca. 3.300 km |
| Längste Etappe | 54,6 km (Dortmund → Schwelm, 11. Juli) |
| Länder | Deutschland, Luxemburg, Frankreich, Spanien |
Die Route
Deutschland – Münsterland und Ruhrgebiet – Am 4. Juli um 3:30 Uhr Aufbruch aus Scholen 53; den Pilgersegen hatte Jörg Schafmeyer am Abend zuvor gespendet. Ich laufe über Vechta, Damme und Osnabrück nach Münster, dann durch das Ruhrgebiet: Werne, Dortmund, Schwelm, Wermelskirchen, Köln – die längste Einzeletappe 54,6 km von Dortmund nach Schwelm. Weiter durch die Eifel: Euskirchen, Blankenheim, Kronenburg, Prüm. Am 21. Juli stehe ich vor Trier – und am 22. Juli, meinem 60. Geburtstag, wartet Sabine auf mich. Wir feiern gemeinsam in einer der ältesten Städte Deutschlands.
Luxemburg und Lothringen – Hinter Trier überquere ich die Grenze nach Luxemburg und betrete kurz darauf Frankreich. In Gorze tauche ich aus einem Waldweg auf ein Tal heraus. Durch Lothringen: Metz mit seiner gotischen Kathedrale Saint-Étienne, Pont-à-Mousson mit einer ehemaligen Prämonstratenserabtei als heutiger Unterkunft, Toul – vier Wochen nach dem Start.
Burgund – Durch die Champagne nach Langres, Auberive und Grancey-le-Château. In Dijon der Palast der Herzöge von Burgund und die frühromanische Krypta von Saint-Bénigne mit ihrer Rotunde und drei konzentrischen Säulenkreisen. Dann durch die Weinlagen der Côte d’Or: Nuits-Saint-Georges, Meursault – der Weg führt durch die besten Lagen, der Kalkstein glitschig im Regen. Bei Taizé finden sich über 4000 Teilnehmer aus allen Nationen zu mehrstimmigen Gesängen zusammen. In Cluny die Major Ecclesia – bis zum Bau des Petersdoms die größte Kirche der Christenheit, heute als Computersimulation erfahrbar. Dann hinauf durch die Hügel des Mâconnais.
Frankreich – Via Podiensis – Am 18. August, dem 46. Tag, erreiche ich Le Puy-en-Velay – den traditionellen Startpunkt des französischen Jakobsweges, über 1.750 km von Scholen entfernt. Burg Polignac thront auf einer Basaltkuppe; in der Kathedrale die schwarze Madonna. Über 80 Pilger ziehen nach der Messe durch die berühmte Kathedraltreppe hinab Richtung Santiago. Ab hier folge ich der Via Podiensis: über das Aubrac-Hochplateau, durch Conques mit der Abteikirche Sainte-Foy, Figeac, Cahors mit dem mittelalterlichen Pont Valentré und Moissac mit seinem romanischen Kreuzgang – bis nach Saint-Jean-Pied-de-Port. Am 16. September – dem 75. Tag – verlasse ich Frankreich.
Spanien – Camino Francés – Am 17. September überquere ich die Pyrenäen nach Roncesvalles und folge dem Camino Francés: Pamplona, Logroño, Burgos. In Burgos wartet Sabine – wir feiern unseren Hochzeitstag auf der kastilischen Meseta. Dann weiter durch die unendliche Stille der Hochebene: León, das O Cebreiro, Galizien. Am 12. Oktober – dem Feiertag der Hispanidad, dem 101. Tag seit dem Pilgersegen – komme ich nach 54,4 km von Melide am 98. Gehtag in Santiago de Compostela an.
Bis ans Ende der Welt – Fünf Tage allein in Santiago; am 17. Oktober reist Sabine an. Die letzten Kilometer laufen wir gemeinsam: von Santiago zur Küste, bis nach Fisterra. Am 20. Oktober stehen wir am Atlantik. Dahinter: nichts mehr. Den Rückweg nach Scholen nehmen wir über Hendaye und den Zug – am 24. Oktober 2015 sind wir wieder zuhause.
Besondere Momente
3. Juli, Scholen – Pilgersegen durch Jörg Schafmeyer, dazu das Augustinuswort: „Quia fecisti nos ad te et inquietum est cor nostrum, donec requiescat in te.“ – Denn du hast uns auf dich hin gemacht, und unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir.
4. Juli, Aufbruch – 3:30 Uhr. Sabine hat mir vorher noch einen Kaffee gekocht. 45,8 km, 87 % Luftfeuchtigkeit, Bremsen in Scharen. Ich laufe wie in Trance – und komme so über den Abschiedsschmerz hinweg.
13. Juli, Wermelskirchen → Köln – 52 Kilometer. Vom Bergischen Land hinunter in die Domstadt.
15. Juli, Euskirchen – Eine ausgewachsene Sinnkrise. Am Bahnhof stehe ich und warte darauf, dass ein Zug kommt. Aber es kommt keiner. Also weiterlaufen – zwar nicht motiviert, aber was will ich morgens um fünf in Euskirchen sonst tun?
21./22. Juli, Trier – Am Abend des 21.: Brombeeren am Wegesrand kurz vor der Stadt, Pilgerstempel im Dom, dann das Airbnb-Apartment, wo Sabine wartet. Am 22. Juli, meinem 60. Geburtstag: „Mit der wundervollsten Frau der Welt verbringe ich einen schönen und innigen Tag in Trier. Wie hab‘ ich sie all‘ die Tage des Alleinseins vermisst!“
26. Juli, Gorze – Aus dem Unterholz heraustretend liegt das Dorf plötzlich unter mir – und darüber stehen an die hundert Heißluftballons, von der Morgensonne angestrahlt. „Ein grandioses Bild – leider nicht händitauglich.“
31. Juli, Langres – Zum ersten Mal auf dem gesamten Weg ein echtes Glücksgefühl: „Heute hat sich der Pilger beim Erleben des erwachenden Langres zum ersten Mal richtig glücklich gefühlt. So könnte es ewig weitergehen.“
7. August, Taizé – Über 4000 Teilnehmer aus allen Nationen. Die mehrstimmigen Gesänge in vielen Sprachen: „Da habe ich richtig gern mitgemacht!“
18./19. August, Le Puy-en-Velay – Die Wegmitte liegt hinter mir. Pilgermesse mit über 80 Pilgern – Franzosen, Deutsche, Schweizer, Kanadier, ein Japaner. Der berühmte Auszug durch die Kathedraltreppe und die Gasse Richtung Santiago. Erstes Pilgermenü für 10 Euro. „Ich war bestens zufrieden!“
27. August, Conques – Eine Gruppe Mitpilger lädt mich spontan zum Bier ein und kann es nicht fassen, dass ich von Scholen bis hierhin nur auf eigenen Füßen gegangen bin. „So ein nettes Erlebnis streichelt natürlich mein Ego!“
1. September, Cahors – Das Gîte „Chez Pierre“: ein winziges Häuschen in der Altstadt, liebevoll restauriert. „So zauberhaft und wunderschön bin ich auf meinem ganzen Weg noch nicht untergekommen!“
27. September, Agés – Morgens in der Herberge: Die eigenen Meindls sind weg, es bleiben nur fremde Schuhe – anderthalb Nummern zu klein. Mit Freizeitschuhen bis zur nächsten Bar, dort die eigenen Schuhe an den Füßen eines Mitpilgers erkannt und zurückgefordert, „mitsamt einer knappen Entschuldigung“.
28./29. September, Burgos – Sabine kommt am 28. nachmittags. Am 29. September: unser Hochzeitstag. „Die zwei innigen Tage miteinander haben mich so sehr beglückt, dass ich die vorläufige Trennung und mein Weiterpilgern richtig hart fand.“
12. Oktober, Santiago de Compostela – Pedrouzo war als letzte Übernachtung zu unattraktiv. Also 54,4 km von Melide in einem Tag – nach 98 Gehtagen und 101 Tagen seit dem Pilgersegen in Santiago angekommen. Pilgermesse, Kathedrale, Apostelgrab.
17. Oktober, Santiago – Nach zweieinhalb Wochen allein in der Stadt reist Sabine an. „Um kurz vor acht war es dann soweit. Meine wundervolle Sabine und ich konnten uns endlich wieder in die Arme schließen.“
20./21. Oktober, Fisterra – Zusammen mit Sabine die letzte Etappe. Kurz vor Fisterra: Schwimmen im Atlantik – „Ist das herrlich, mit meiner Liebsten ins eiskalte Wasser zu stürmen!“ Am Abend Sonnenuntergang am Leuchtturm mit Lieblingsbuch, Rotwein und Käse. War das schön.
Tagebuch lesen
Der Weg ist in 134 Beiträgen dokumentiert – tägliche Etappenberichte und 16 Wochenrückblicke. Wer lieber in die Tiefe geht als chronologisch von vorne zu lesen: Die 16 Wochenrückblicke sind gute Einstiegspunkte, sie fassen jeweils sieben Tage in einem Beitrag zusammen.