Espalion – Golinhac (26,1km)

Wie ist das Alleingehen doch schön! Man muss sich nicht unterhalten, darf seinen eigenen Rhythmus gehen und an den absurdesten Stellen stehenbleiben, um ein Foto zu machen, ohne das vorher zu verabreden. Wunderbar! Und dann noch dieses tolle Wetter und die schöne Landschaft, Herz, was willst Du mehr?

Blöderweise hat uns die Via Podiensis heute den ganzen Tag in Richtung Nordwesten geführt. Wenn das so weitergeht, komme ich nie in Santiago an! Und statt brav dem Lot zu folgen, wie das auf der Karte aussah, hat uns der Weg wirklich jeden erreichbaren Hügel raufgeschickt; das Feierabendbier ist also wohlverdient.

Kurz nach Etappenbeginn gab’s in Bessuéjouls wieder ein romanisches Kirchlein zu bestaunen. Die eigentliche Attraktion, nämlich den Raum im Turm hätte ich beinahe übersehen, wenn mich nicht freundliche Mitpilger darauf aufmerksam gemacht hätten. Ich musste mich durch einen knapp hüftbreiten Treppengang zwängen, um dort hinaufzukommen. Aber das hat sich gelohnt! So eine zauberhafte Atmosphäre!

Gegen Mittag kam ich dann nach Estaing. Das ist vielleicht schön! Wie im Bilderbuch liegt der Ort direkt am Lot und wird überragt von seiner Burg. Und über allem dieser fast unwirklich blaue Himmel. Da fühlt man sich wie Gott in Frankreich!

Gestern habe ich meine erste Halbzeit abgeschlossen, so dass der heutige Tag der erste der zweiten Halbzeit war. Die Hälfte der Strecke liegt ja bereits set Le Puy-en-Velay hinter mir. Da ich mich für den 17. Oktober mit meiner Herzallerliebsten in Santiago verabredet habe, liegt der Zeitplan ja fest: Insgesamt 106 Tage auf dem Pilgerweg, davon zwei Pausentage mit meiner Liebsten, einer zu meinem Geburtstag in Trier und einer zu unserem Hochzeitstag in Burgos.

Das ist ein ganz neues Gefühl, dass die Pilgertage nun merklich weniger werden und das anfangs so ferne Ziel in erreichbare Nähe rückt. Ein ganz kleines bisschen Trauer kommt da ab und zu schon auf, wird aber schnell überdeckt von meiner riesigen Freude, schon bald meine Liebste wiederzusehen.

4 Kommentare

    1. Lieber Bruder,

      wie schön, dass Du meinen Weg mit Interesse verfolgst! Der größte Teil liegt ja schon hinter mir, und das Etappenziel Burgos rückt in greifbare Nähe. Sobald ich wieder zu Hause bin, berichte ich Dir gerne auch persönlich. Bis dahin hoffe ich, dass Du mir als Leser treu bleibst!

      Herzliche Grüße aus dem glühend heißen Figeac
      Burkard

  1. Lieber Burkard,
    wie schön ist es für Dich, beim Wandern die Natur, die Landschaft, die Umgebung genießen zu können und sich an den Schätzen Frankreichs sowie an Schaf-Rindviechern erfreuen zu dürfen. Traumhafte Bilder einer unwirklichen Welt!
    Dagegen streifen tausende von Menschen durch Europa freiwillig unfreiwillig auf der Suche nach einem sicheren Zuhause und kennen ihren Zielort nicht. Sie laufen sicher auch durch wunderschöne Landschaften, sind aber bestimmt nicht so offen dafür. Und dabei ist jeder Fleck dieser gottgeschaffenen Welt einfach nur schön. Wenn nur der Mensch nicht wäre?!
    Aus wie vielen Gründen begeben sich Menschen auf Wanderschaft …
    Was geht’s uns doch gold!
    Genügsame Grüße aus Münster in die Midi-Pyrénées

    1. Liebe Ulla,

      mein entspanntes Luxuspilgerdasein auch nur im Entferntesten mit dem Los eines Flüchtlings vergleichen zu wollen liegt mir fern. Ich glaube, das wäre auch reichlich zynisch.

      Dass die Flüchtlingsströme für die nächsten Jahre die zentrale Herausforderung für uns in Deutschland werden, war mir vor ein paar Wochen noch nicht so klar. Hier verantwortlich zu handeln ist nicht nur eine ethische Verpflichtung, sondern auch ein Gebot des gesunden Menschenverstands. Wenn Du eine gute Idee hast, was konkret wir tun sollen, würde ich die gerne hören. Ich denke schon länger darüber nach …

      By the way, passend zum Thema lese ich gerade “Der Appell des Dalai Lama an die Welt”. Darin stellt Seine Heiligkeit die steile These in den Raum, ethnisches Verhalten sei allen Menschen angeboren, Religion sei nur ein Zusatz, um die Ethik attraktiver zu machen. So wie Wasser (Ethik) und Tee (Religion); auch Tee ist im Wesentlichen Wasser, nur mit ein paar kulturell bedingten Geschmacksstoffen, weil wir das Wasser so lieber mögen. Dieser These schließe ich mich gern an, insbesondere, weil sie den Kampf zwischen den Religionen für unsinnig erklärt.

      Herzliche Grüße aus dem zauberhaften Südfrankreich
      Burkard

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