Saint-Thiebault – Bannes (53,1km)

Das Schönste am Pilgern ist es, mit dem ersten Morgengrauen draußen zu sein und zuzusehen, wie variantenreich sich das Licht über den Tag entwickelt. Etwa eine Stunde vor Sonnenaufgang ahnt man am östlichen Horizont einen schwachen Schimmer. Noch ist es so dunkel, dass die Welt nur aus leicht verschiedenen Grautönen zu bestehen scheint. Dann wird es langsam heller, die ersten Farben werden unterscheidbar, und es sieht schon fast nach Tag aus. Nur der Belichtungsmesser belehrt mich eines Besseren: Zum Mittagslicht fehlen noch fünf bis sechs Lichtwerte.

Dann bekommen plötzlich wie von Geisterhand die Wolken eine rosa Seite. Die Erscheinung wird in den nächsten zwei bis drei Minuten intensiver, und dann, etwa kurz nach Sechs, geht die Sonne auf und streichelt zunächst mit ihren Strahlen die Erdoberfläche. Das Licht ist noch ganz sanft und Kontrastprogramm. Es arbeitet die Konturen der Gegenstände sehr schön heraus.

Jetzt und die nächste Stunde gelingen die besten Fotos. Ab Acht kann man die Kamera getrost wegpacken; die Kontraste im Sonnenlicht sind dann schon so groß, dass der Sensor deren Umfang nicht mehr verlustfrei verarbeiten kann. Ab Zehn ist das Licht dann nur noch brutal, und Pilger und Fotograf suchen tunlichst den Schatten auf. – Den ganzen Tag über faszinieren mich das Licht und heute vor allem die Wolken.

Die vom DuMont-Pilgerführer vorgeschlagene Route war heute eher trist. Sie führte den ganzen Tag über wenig befahrene Landstraßen (Departementale). Dadurch kam ich zwar gut voran, aber ständig auf einem Asphaltband entlangzulaufen und eine halbe bis eine Stunde vorausschauen zu können fand ich echt ermüdend und demotivierend. Entsprechend abgespannt kam ich an meinem heutigen Tagesziel “Chez Françoise” an.

Außerdem habe ich heute am frühen Nachmittag die Tausendkilometermarke überschritten und somit etwa das erste Drittel der Gesamtstrecke von Scholen nach Santiago hinter mich gebracht. Das ist schon ein erhebendes Gefühl, über tausend Kilometer am Stück auf den eigenen Füßen zurückgelegt zu haben! Für mich ist es das erste Mal in meinem Leben. Dafür genehmige ich mir gleich ein Extrabier!

8 Kommentare

  1. Hallo Burkard, herzlichen Glückwunsch zu den ersten tausend Kilometern. Die Fotos sind gigantisch und bei Deinen Beschreibungen kann man sich richtig in die Stimmung einfühlen. Liebe Grüße Evelyn

  2. So, Burkard, da bin ich! Wunderbare Fotos auch heute wieder. Der Himmel über Dir ist einfach himmlisch. Wolken können so schön sein… Glückwunsch zu Deinen ersten 1000 km. Gute Nacht

  3. Lieber Burkard,
    viele tolle Wolken – das Thema des Tages. Ich könnte aus Bayreuth noch ein paar beisteuern.
    Aber am Besten gefällt mir ja immer das Bett des Tages, weil es auch ein wenig von der Kultur widerspiegelt.
    Klaus hat mit mir gewettet, dass Du nur 2 1/2 Monate brauchst. Er scheint recht zu behalten und ich muss ihn in den Tannenhof einladen. Vielleicht kommst Du mit Sabine dann mit.
    Alles Gute weiterhin wünscht Dir herzlich
    Ulla

  4. Klaus, mein Lieber!

    Auch wenn Du an meinen Ehrgeiz appellierst, ich werde definitiv nicht auf’s Tempo drücken! Ich gehe fest davon aus, dass ich ab Le Puy auf andere Pilger treffe und sicher auch mit dem einen oder anderen mal einen Tag zusammen gehen werde. Das drückt unweigerlich auf’s Tempo. Außerdem ist die Veranstaltung hier ja kein Wettbewerb, auch wenn mein Laufpensum manchmal danach aussieht. Einen Geburtstagswein trinke ich gerne mit Dir, aber zu einem späteren Zeitpunkt.

    Dir und Ulla noch viel Freude bei der letzten Nummer von Herrn Wagner!

    Herzliche Grüße
    Burkard

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